Welche Impulse kann das Bildungssystem in das Schweizer Datenökosystem einbringen? Und welche Impulse sollte es umgekehrt von anderen Akteuren aufnehmen?

Für das Schweizer Datenökosystem ist die Bildung besonders interessant, weil in der Bildungslandschaft viele unterschiedliche Akteure zusammenkommen: Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrpersonen, Schulleitungen, Bildungsverwaltungen, Forschungseinrichtungen und private Dienstleistungsanbieter. Die dazugehörigen Daten sind ebenfalls vielfältig und oftmals sensibel, da zum Teil besonders schützenswerte Personendaten oder Daten von Minderjährigen ins Spiel kommen. Das Bildungswesen ist auch langfristig von gesamtgesellschaftlichem Interesse. Gerade deshalb kann die Bildung wichtige Erfahrungen dazu einbringen, wie Datennutzung, Datenschutz, unterschiedliche Zuständigkeiten und Vertrauen miteinander verbunden werden können.

Umgekehrt muss die Bildung nicht alle Lösungen selbst entwickeln. Im Datenökosystem Schweiz entstehen bereits gemeinsame Grundlagen für Governance-Strukturen, Architekturen, Identitäten, internationale Anschlussfähigkeit oder den interoperablen Datenaustausch. Das Schweizer Datenökosystem will solche Elemente datenraumübergreifend nutzbar machen und so einerseits Silolösungen vermeiden und andererseits die internationale Anschlussfähigkeit gewährleisten. Die Bildung kann ihre spezifischen Anforderungen einbringen, gleichzeitig aber von Erfahrungen anderer Bereiche wie Gesundheit, Mobilität oder Landwirtschaft lernen. So wird sie nicht nur Anwenderin bestehender Lösungen, sondern Mitgestalterin gemeinsamer Grundlagen.

Ein Bildungsdatenraum verspricht effizientere Prozesse und einen einfacheren Datenaustausch. Wie kann sichergestellt werden, dass Effizienzgewinne nicht auf Kosten der Datensouveränität der beteiligten Akteure gehen?

Effizienz und Datensouveränität sollten nicht als Gegensätze verstanden werden. Genau hier setzt das Konzept der vertrauenswürdigen Datenräume an. Die Arbeiten im Datenökosystem Schweiz stellen die digitale Selbstbestimmung ausdrücklich ins Zentrum: Beteiligte sollen die notwendige Transparenz und die Kontrollmöglichkeiten erhalten, um nachvollziehen und – soweit rechtlich vorgesehen – mitbestimmen zu können, wer ihre Daten für welchen Zweck verwendet.

Der Schweizer Verhaltenskodex für vertrauenswürdige Datenräume konkretisiert dieses Verständnis über vier Prinzipien: Transparenz, Kontrolle, Fairness und Effektivität. Für einen Bildungsdatenraum würde das beispielsweise bedeuten, dass Zugriffsrechte und Verwendungszwecke klar definiert sind, dass Verantwortlichkeiten nachvollziehbar bleiben und dass Daten nur für einen bestimmten Zweck zugänglich gemacht werden. Gerade bei Bildungsdaten ist zudem wichtig, dass unterschiedliche Schutzbedürfnisse berücksichtigt werden. Wie bereits erwähnt, benötigen Daten von Minderjährigen besondere Schutzmassnahmen.

Effizienz entsteht dann nicht dadurch, dass möglichst viele Daten möglichst frei fliessen. Sie entsteht dadurch, dass Daten unter klaren, wiederverwendbaren und vertrauenswürdigen Bedingungen genutzt werden können.

Dr. Felix Gille

Digitale Souveränität ist nicht nur eine technische, sondern vor allem eine Governance-Frage. Welche Governance-Strukturen benötigt ein Bildungsdatenraum, damit Schulen, Behörden und private Anbieter gemeinsam Verantwortung übernehmen können?

Hier ist die Governance von essenzieller Relevanz. Sie beschreibt letzlich, wie ein Datenraum geführt werden soll. Ein Bildungsdatenraum braucht zunächst eine klare und legitimierte Datenraumträgerschaft. In den Grundlagen des Datenökosystems Schweiz ist sie das strategische Steuerungsgremium eines Datenraums. Sie definiert Governance und Architektur und trägt Verantwortung dafür, dass der Datenraum vertrauenswürdig und interoperabel funktioniert.

Entscheidend ist aber, dass diese Trägerschaft nicht einfach ein zusätzlicher Akteur wird. Die Schweizer Grundlagen betonen Neutralität, Inklusivität, Rechenschaftspflicht und die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen auszubalancieren. Gerade in der Bildung müsste deshalb sorgfältig geklärt werden, wie die verschiedenen Akteure angemessen beteiligt werden und wie die Interessen der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt werden können.

Gute Governance bedeutet, dass klar ist, wer wofür verantwortlich ist, nach welchen Regeln entschieden wird und was geschieht, wenn Regeln nicht eingehalten werden. Datenräume sind folglich kein Selbstzweck, sondern dienen der Lösung konkreter Probleme und generieren einen Mehrwert. Die Entwicklung der Governance erfolgt auf dieser Grundlage und wird regelmässig aktualisiert.

Der Bildungsbereich ist geprägt von einer grossen Vielfalt an Akteuren und föderalen Zuständigkeiten. Welche Rolle spielen gemeinsame Rahmenbedingungen, damit ein Bildungsdatenraum in der Schweiz langfristig tragfähig und anschlussfähig bleibt?

Gemeinsame Rahmenbedingungen sind in einem föderalen System zentral. Dabei geht es aber nicht darum, überall dieselben Systeme einzuführen. Der Ansatz des Datenökosystems Schweiz ist vielmehr, auf einer gemeinsamen Architektur und Governance aufzubauen, damit unterschiedliche dezentrale Lösungen miteinander funktionieren können. Die gemeinsamen Grundlagen schaffen die minimale Voraussetzung dafür, dass Daten und Dienste interoperabel und vertrauenswürdig genutzt werden können. Für die Bildung ist das besonders relevant. Gemeinsame Begriffe, Schnittstellen, Rollenmodelle, Regeln für Zugriffe oder Anforderungen an Dienste ermöglichen es unterschiedlichen kantonalen Systemen, nicht immer bei null anzufangen, sondern neue personalisierte, kollaborative Lösungen zu entwickeln.

Interoperabilität ist dabei mehr als eine technische Frage. Die Schweizer Grundlagen unterscheiden auch organisatorische, rechtliche und semantische Interoperabilität. Ein gemeinsamer technischer Anschluss nützt beispielsweise wenig, wenn zwei Institutionen unter einem Datenelement etwas Unterschiedliches verstehen oder wenn die rechtlichen Bedingungen nicht zusammenpassen. Langfristige Tragfähigkeit bedeutet deshalb: so viel Gemeinsamkeit wie nötig, so viel sektorale und föderale Gestaltung wie sinnvoll. Die Referenzarchitektur des Datenökosystems soll genau diese Wiederverwendung gemeinsamer Bausteine ermöglichen, ohne Datenräume zu einer zentralen Einheitslösung zu machen.

«  Gute Governance bedeutet, dass klar ist, wer wofür verantwortlich ist, nach welchen Regeln entschieden wird und was geschieht, wenn Regeln nicht eingehalten werden.  »

EdTech-Unternehmen haben sich als Akteure eines digitalen Bildungsökosystems etabliert. Welche Auswirkungen wird diese Entwicklung auf das Schweizer Datenökosystem haben?

Die Schweizer Grundlagen sprechen nicht spezifisch von einer zukünftigen Rolle der EdTech-Branche. Aus dem Rollen- und Architekturmodell lässt sich aber ableiten, dass private Anbieter in Datenräumen künftig wesentlich stärker als Teilnehmende eines gemeinsamen Regelwerks verstanden werden könnten und nicht nur als Lieferanten einzelner Produkte. Das kann verschiedene Rollen umfassen. Unternehmen können beispielsweise Dienste für Identität, Authentifizierung, Datenvermittlung, Metadaten oder Verträge anbieten. Die Schweizer Referenzarchitektur sieht ausdrücklich vor, dass solche Dienste von Datenvermittelnden bereitgestellt werden können. Diese Anbieter unterstehen dabei der Governance des jeweiligen Datenraums.

Das verändert auch die Anforderungen an Produkte. Wettbewerb findet dann nicht nur über einzelne Funktionen statt, sondern zunehmend auch über Interoperabilität, Vertrauen, Datenqualität und die Fähigkeit, sich in gemeinsame Infrastrukturen einzufügen. Der Verhaltenskodex fordert von Datenvermittelnden beispielsweise die Förderung offener und gemeinsamer Standards. Gleichzeitig entstehen dadurch wirtschaftliche Chancen.

Für die Schweiz sehe ich deshalb vor allem eine Gestaltungsfrage: Wie schaffen wir einen Rahmen, in dem private Innovation erwünscht ist, ohne dass einzelne Anbieter die Regeln oder die Datenflüsse dominieren? Ein vertrauenswürdiger Bildungsdatenraum könnte dazu beitragen, den Wettbewerb stärker über Qualität und Mehrwert zu organisieren und gleichzeitig gemeinsame Anforderungen an Transparenz, Interoperabilität und Datensouveränität festzulegen.

Das neue Educa Dossier

Begleitend zu unserer Fachtagung haben wir unser neues Dossier «Schule mit EdTech entwickeln» veröffentlicht. Die verschiedenen Kapitel beleuchten die vielfältigen Facetten des Themenfelds EdTech. Dabei werden die Rolle des Individuums und anderer Akteure, die Dynamiken des Schweizer EdTech-Markts sowie das Spannungsfeld zwischen den Werten und Vorgaben der öffentlich-rechtlichen Bildung und dem wirtschaftlichen und organisatorischen Ökosystem rund um Technologien beleuchtet. Wir zeigen auf, mit welchen Handlungsansätzen Innovation in einem digitalen Bildungsraum entstehen kann, die den Werten und Vorgaben des öffentlich-rechtlichen Bildungssystems entspricht.